Notker Wolf

Notker Wolf

Oberhaupt des Benediktiner-Ordens in Rom

Notker Wolf leitet den Benediktiner-Orden, spielt Hardrock - und redet Klartext: Es gibt kein Menschenrecht auf ein bequemes Leben und vier Wochen Urlaub. Er gilt als unabhängiger und auch unkonventioneller Geistlicher. Manche Äußerung aus dem Vatikan kommentierte er mit den Worten "lebensferne Auseinandersetzung".
Wolf ist als Abtprimas quasi der CEO der Benediktiner, einem globalen Unternehmen mit über 1.000 Klöstern und 25.000 Mitarbeitern in aller Welt. Seit seiner Wahl im Jahr 2000 ist er meist unterwegs, legt über 300.000 Flugkilometer pro Jahr zurück. Er kennt die Probleme auch in den armen Ländern der Welt im Detail. Notker Wolf korrespondiert in 13 Sprachen, sieben davon spricht er fliessend.

„Von China aus gesehen erinnerte mich Deutschland an einen Masochisten, der sich erst gründlich quält und dann krankschreiben lässt.“

Seit Wolf im Hauptsitz der Benediktiner im Kloster Sant Anselmo in Rom lebt, beobachtet er Deutschland von aussen. Im Gegensatz zu den dynamischen Gesellschaften im asiatischen Raum, erscheint ihm der in Deutschland gepflegte Stillstand besonders augenfällig. „Wir hocken in einem Käfig der Bequemlichkeit. Wir warten. Denn um zu verändern, müssten wir etwas aufgeben: Denkgewohnheiten, Sicherheit, Besitz und Ansprüche.“ Gegen den Stillstand empfiehlt Wolf einen aufmerksamen Blick auf das Ordenswesen. "Das Mönchtum war nie so aktuell wie heute, denn das Wesen des Mönchtums ist das Unterwegssein, das Suchen. Mönchtum ist keine Institution," sagt er und kommt zu der Schlußfolgerung: "Wer ewig wartet, traut sich am Ende gar nichts mehr zu."

Doch der oberste Benediktiner ist sich auch sicher, daß sich Verhaltensweisen ändern, wenn die äußeren Umstände dazu zwingen. Die Globalisierung zum Beispiel: "Wir müssen eine neue Beziehung zu Besitzständen finden, denn wir können nicht so tun als ob es weltweit keinen Wettbewerb gäbe."

Wolf sieht auch die Eltern gefordert: "Ich rate ihnen, ihre Kinder zu Menschen zu erziehen, die ihre Rollen verlassen, unabhängig von Rollen denken können, über eine große innere Freiheit verfügen und eine starke Identität mit entsprechendem Widerstandspotential haben."

Notker Wolf studierte Philosophie, Theologie, Zoologie, anorganische Chemie und Geschichte der Astronomie in Rom und München. 1961 legte er das Mönchsgelübde ab, 1971 wurde er Professor für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Päpstlichen Hochschule in Rom, 1977 übernahm er als Erzabt die Verantwortung für das Missionskloster St. Ottilien in Oberbayern. Jeder Euro, den Wolf seither etwa für Vorträge, Bücher oder Managerseminare bekommt, fließt in den Ordenstopf. Derzeit braucht Sant' Anselmo vor allem ein neues Dach; das alte ist teilweise eingestürzt.

„Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung und die Gefahr, Schuld auf sich zu laden.“

Sein Musik-Übungsraum in der Abtei Sant' Anselmo in Rom ist vorsorglich schallisoliert. "Nichts schöneres, als nach einem anstrengenden 16-Stunden-Arbeitstag die E-Gitarre auszupacken und eine viertel Stunde loszulegen", sagt Wolf. Der ranghöchste Benediktiner liebt Rockmusik. Wann immer er Zeit hat, tritt er mit seiner Band "Feedback" auf. In schwarzer Kutte, mit Abtkreuz und E-Gitarre. Zu seinen Lieblingsbands zählen AC/DC und Iron Maiden, zu seinen Lieblingsstücken "Highway To Hell". Ein ungewöhnliches Hobby für einen hohen Würdenträger der katholischen Kirche. "Soviel Freiheit muss einfach da sein", sagt Notker Wolf, dem manchmal die innerkirchlichen Debatten um die eine oder andere päpstliche Anordnung eher lebensfern erscheinen. Wichtiger als theologische Dispute sind ihm die Sorgen und Probleme der Menschen, denen er rund um den Globus begegnet.

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