Michael Braungart

Michael Braungart

Öko-Visionär

Ob kompostierbares T-Shirt oder wiederverwertbarer Bürostuhl: Chemie-Professor und Ökovisionär Michael Braungart, Gründer der Umweltagentur EPEA, propagiert den ewigen Kreislauf der Stoffe. Und ist damit sogar in Hollywood gefragt.
„Der Stuhl, auf dem ich hier sitze“, sagt er, „ist zu 100 Prozent wiederverwertbar. Der kann später zum Fernseher oder zum Fensterrahmen werden. Und das Beste daran: Er ist einer der meistverkauften Stühle der Welt.“ Schon ist man mitten in der Welt des Michael Braungart, des Professors für Chemische Verfahrenstechnik und Aktivisten, der wie kein Zweiter in Deutschland das Wort Ökologie neu definiert. Früher, als Greenpeace-Kämpfer, kletterte er auf Schornsteine und ließ sich sogar verprügeln, als er gegen Umweltverschmutzung protestierte. Doch dann änderte Braungart seine Strategie. 1987 rief er die Umweltschutzagentur EPEA [Environment Protection Encouragement Agency] ins Leben, zwei Jahre später gründete er mit seiner Frau, der SPD-Bundestagsabgeordneten Monika Griefahn, das Hamburger Umweltinstitut als Basis für seine Forschungen.

Damit kann der 48-Jährige seine Ziele aktiv verfolgen: Er berät Unternehmen, entwickelt Produkte, erforscht Stoffe, hält Vorlesungen und sieht sich als Öko-Visionär, der die Welt nicht ein bisschen, sondern von Grund auf retten will. „Wir müssen alles, was wir sehen, neu erfinden“ ist sein Credo, mit dem er einen Platz in der ersten Reihe der Vordenker einnimmt. Dabei hat er einen Grundsatz der Ökobewegung auf den Kopf gestellt. „Es geht nicht mehr um Vermeidung und Verzicht, es geht um Lebensbejahung. Die Natur produziert auch unablässig Überfluss, ohne dass es uns schadet.“

Kann das auch für uns Menschen gelten? Braungarts „Ja“ klingt unumstößlich. Und seine Vision hat Methode. Das gängige Gebot der ökologischen Effizienz in Politik und Wirtschaft führe lediglich dazu, die Umwelt durch Schadstoffverminderung weniger zu belasten: „Aber auch wenn ich ein bisschen weniger vergifte, vergifte ich trotzdem.“ Braungart setzt dagegen das Modell der Öko-Effektivität. „Wir können verschwenderisch sein, wenn wir von Anfang an nur ungiftige Substanzen verwenden.“ In seinem System landen die verwendeten Stoffe nicht auf der Mülldeponie, sie bleiben im natürlichen Kreislauf erhalten. Nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ – „Von der Wiege zur Wiege“ entwickelte er zum Beispiel Flugzeugsitze für den Airbus 380, deren Abrieb sozusagen essbar und verdaubar ist und nicht als Feinstaub die Lungen der Flugbegleiter und Passagiere angreift, recycelbare und ungiftige Schuhe für Nike, T-Shirts für Trigema, die nach Gebrauch kompostierbar sind, Damenunterwäsche, Bürostühle, Teppichböden, die alle nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip vom chemischen Aufbau her unschädlich und wiederverwertbar sind. „Schauen Sie mal“, ruft er und zeigt auf seinen schwarzen Schuh, „der ist zu 100 Prozent abbaubar.“

Seinem Ansatz zufolge können Abfälle und Verpackungen bedenkenlos weggeworfen wer den, weil sie der Natur als Nahrung dienen, statt über den Boden irgendwann Lebensmittel zu belasten. Im Auftrag von Firmen entwickelt EPEA Baukästen mit Chemikalien, die unverträgliche Stoffe ersetzen. Auf der Kundenliste der Agentur stehen heute Konzerne wie Nike, BASF, Volkswagen, Ford und Unilever.

Während er sich in Deutschland noch als Rufer in der Wüste sieht, erhält er in den USA zunehmend Applaus auch von prominenter Seite. Begeistert von den Ideen Braungarts, spendete Steven Spielberg seiner Organisation zwei Millionen Dollar und kündigte an, einen Dokumentarfilm über seine Arbeit zu drehen. In Hollywood habe man erkannt, so Braungart, dass es bei seinem System nicht nur um Umweltschutz geht: „Wir bieten das ewige Leben.“


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